„Rapunzel“ kurz und knapp

In der Wüste treffen sich Rapunzel und der Prinz wieder. Das Märchen „Rapunzel
In der Wüste treffen sich Rapunzel und der Prinz wieder. Das Märchen „Rapunzel" wurde schon oft verfilmt. (Foto: dpa)

Wir stellen dir Märchen vor. Hier geht es um „Rapunzel“ – ein Märchen, das in der Sammlung der Gebrüder Grimm aufgenommen wurde. Zurück geht es allerdings, das vermuten Experten, auf ein Märchen über Feen aus Frankreich.

Rapunzel

Es waren einmal ein Mann und eine Frau, die erwarteten ein Kind. In ihrem Haus war ein Fenster, aus dem sie in den Garten einer Zauberin blicken konnten. Eines Tages entdeckte die Frau im Garten der Zauberin wunderschöne Rapunzeln, die sie unbedingt essen wollte. Ihr Mann machte sich große Sorgen, denn wenn seine Frau keine Rapunzel zu Essen bekam, so würde sie sterben. Also kletterte er eines Abends voller Mut in den Garten der Zauberin, die von allen gefürchtet war. Er stach eine Handvoll Rapunzeln für seine Frau, aber sie wollte immer mehr.  Als der den Garten noch einmal betrat, stand plötzlich die Zauberin vor ihm. Sie erlaubte ihm zwar noch mehr mitzunehmen, verlangte aber als Entschädigung das ungeborene Kind. Vor lauter Angst um seine Frau stimmte der Mann zu. Sobald die Frau das Kind geboren hatte, kam die Zauberin und trug es fort. Sie gab dem Mädchen den Namen Rapunzel.

Als Rapunzel zwölf Jahre alt war sperrte die Zauberin sie in einen Turm ohne Tür und Treppen mitten im Wald. Wenn sie Rapunzel besuchen wollte, musste sie sich unter Turmfenster stellen und nach ihrer Tochter rufen. „Rapunzel, Rapunzel, lass mir dein Haar hinunter!“  Rapunzel wickelte dann ihr  langes, dichtes Haar um einen Fensterhaken und lies es hinunter. Daran konnte die Zauberin zu ihr hinauf klettern.

Einige Jahre später ritt der Sohn des Königs durch den Wald. Als er an Rapunzels Turm vorbei kam, hörte er wunderschönen Gesang. Fortan kam er jeden Tag wieder, um den Gesang zu hören. Eines Tages beobachtete er die Zauberin, wie sie nach Rapunzels Haaren rief. Sobald es dunkel wurde versuchte er selber sein Glück und rief: „Rapunzel, Rapunzel, lass dein Haar herunter!“ Rapunzel tat genau das und der Prinz kletterte zu ihr in den Turm hinauf. Bald darauf verliebten sie sich und der Prinz wollte Rapunzel zur Frau nehmen. Sie schmiedeten einen Plan um Rapunzel aus dem Turm zu befreien, doch die Königin kam ihnen auf die Schliche. Sie war sehr zornig, schnitt Rapunzel zur Strafe die Haare ab und schickte sie in die Wüste.

Auch  an diesem Abend kam der Prinz um Rapunzel zu besuchen. Als er nach ihr rief, warf die Zauberin die langen abgeschnittenen Haare nach unten und nahm den Prinzen in Empfang. Sie erklärte ihm, dass er Rapunzel nie wieder sehen würde. Der Prinz hatte großen Kummer und stürzte sich den Turm herab. Er landete in Dornen, die ihm die Augen zerstachen, sodass er blind wurde. Jahrelang irrte er umher und kam schließlich in der Wüste an. Dort lebte Rapunzel, die mittlerweile Zwillinge geboren hatte. Eines Tages hörte der Prinz eine Stimme und erkannte seine Geliebte wieder. Sie fiel ihm um den Hals und begann zu weinen. Zwei ihrer Tränen trafen die Augen des Prinzen und er konnte plötzlich wieder sehen. Gemeinsam kehrten sie in sein Reich zurück und lebten dort glücklich zusammen.

Nacherzählt von Nina Blumenrath

Der Hintergrund zu Rapunzel

Das Märchen „Rapunzel“ wurde vor fast 200 Jahren in den „Kinder- und Hausmärchen“ der Gebrüder Grimm und veröffentlicht. Erfunden haben die beiden Brüder diese Geschichte aber nicht. Die Vorlage für „Rapunzel“ ist fast 400 Jahre alt. Und da geht es nicht um Rapunzeln, besser bekannt als Feldsalat, sondern um Petersilie. „Petrosinella“ heißt die Erzählung aus Italien.

Sie handelt von einer schwangeren Frau, die Petersilie aus dem Nachbargarten stiehlt. Dabei wird sie von Orca ertappt. Orca, das ist nicht nur die Besitzerin des Gartens, sondern auch eine böse Hexe. Zur Strafe für den Diebstahl verlangt Orca das Kind der Frau. Dieses wird mit einem Büschel Petersilie auf der Brust geboren und auf den Namen Petrosinella getauft. Die böse Hexe Orca bekommt das Kind und sperrt es in einen hohen Turm. Klingt alles sehr nach Rapunzel. Und damit nicht genug. Die langen Haare des Mädchens dienen Orca als Leiter, um zu ihrer Gefangenen zu gelangen. Am Ende wird die böse Orca von Petrosinella überlistet. Das Mädchen kann aus dem Turm fliehen. Es kommt auch ein edler Prinz vor, der Petrosinella schließlich heiratet.

Die Parallelen zur Geschichte von „Rapunzel“ sind unübersehbar. Ein paar Veränderungen haben die Gebrüder Grimm dann aber doch vorgenommen. Damit wurde das Märchen vom dem Mädchen mit den langen Haaren zu einem der bekanntesten überhaupt.

Von Franziska Gajek

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