Zu Besuch bei Sooraj

Zu Besuch bei Sooraj
Soorajs Zuhause. Foto: Peter Pauls

Sooraj ist fünf Jahre alt und schaut ernst. Besuch! Was der wohl will? Wir sitzen am Straßenrand – da ist mehr Platz als in der Hütte, die Sooraj mit den Eltern und seinem kleinen Bruder Rohit teilt.

Soorajs und seine Familie. Foto: Peter Pauls

Sooraj geht in die Vorschule der Salesianer Don Boscos. Das ist ein katholischer Orden, der sich um Kinder und Jugendliche kümmert. Sooraj mag Gedichte und trägt eins vor. „Regen, Regen, geh endlich vorbei“ ruft er. Klar, wenn es viel regnet, läuft Wasser durch die kleine Hütte. Die Familie lebt in der Nähe von Buxar im Norden Indiens neben einem Abwassergraben. Sie schläft auf alten Getreidesäcken, die direkt auf der Erde liegen. Da wird alles nass.

Nicht genug zu essen

Schnell läuft Sooraj zur Hütte. Da wollten gerade die Küken fortlaufen, die dort mit ihnen leben. Vorsichtig nimmt er sie in die Hand und trägt sie wieder hinein. Seine Mutter sagt, dass er auf sie aufpassen muss. Auf seinen Bruder Rohit auch. Der ist erst drei Jahre alt und hat sich gestern die Hände rot gemacht, als Sooraj kurz nicht hinschaute. Es war Farbenfest. Damit wird der Frühling begrüßt. Die Menschen bewerfen sich mit Farbe und laufen dann bunt herum. 

Nun schaut Sooraj dem Besucher genau zu, wie der aufschreibt, was sein Vater sagt. Dass das Leben schwer sei, weil das Haus nicht gut ist und er so wenig Geld verdient. Sooraj soll lesen und schreiben lernen, sagt sein Vater. Damit er später nicht, wie er selbst, Rohre reinigen muss. Der Vater arbeitet heute hier und morgen da. Wenn er keine Arbeit findet, gibt es weniger zu essen. Manchmal auch gar nichts.

Hohe und niedrige Kasten

Sooraj und seine Familie werden „Musahars“ genannt. Übersetzt heißt das „Schlangenesser“. Es bedeutet, dass diese Menschen essen, was sonst keiner mehr mag. Oder würdest du gerne eine Schlange essen? Deshalb heißt das auch, dass andere auf sie herabsehen. Aber wenigstens nicht die Nachbarn. Die sind auch Musahars. Dabei gab es noch nie Schlange zu essen.

Eigentlich sind in Indien vor dem Gesetz alle Menschen gleich. Wie bei uns. Aber die meisten Inder gehören der Religion des Hinduismus an. Die macht Unterschiede und teilt die Menschen in Gruppen ein, die Kasten genannt werden. Das ist wichtig für das Ansehen. Es gibt hohe und niedrige Kasten. Die Musahars stehen noch unter der niedrigsten Kaste. 

Sooraj mit dem Orden des Porzer Dreigestirns. Foto: Peter Pauls

Bildung ist wichtig

Die Gesetze sagen, dass Musahars Rechte haben und unterstützt werden. Deshalb möchte der Vater, dass Sooraj das nachlesen und auf dem Amt danach fragen kann. Denn ihm hat bisher keiner geholfen. Mit der Schule ist es so eine Sache. Musahars werden häufig herumgeschubst. Oder man ruft ihnen hinterher, dass sie stinken. Sooraj aber geht gern zu den Salesianern. Dort ist eine private Schule und man gibt acht, dass keiner gemein ist.

Zum Abschied schenkt der Besucher Sooraj einen Karnevalsorden aus Köln. Sowas hat er noch nie gesehen. Bunt wie das Kleid seiner Mutter ist der. Als er ihm umgehängt wird, lacht Sooraj.

Von Peter Pauls