„Wir sind alle ein bisschen bekloppt“

„Wir sind alle ein bisschen bekloppt“
Foto: Marius Becker/dpa/dpa-tmn

Ganz gleich, wie viele Gesellschafts- oder Brettspiele du zu Hause hast: Es gibt jemanden, der hat sicher schon mehr gespielt, als du in deinem ganzen Leben zusammen.

Christoph-Schlewinski. Foto: Privat

Seit sieben Jahren ist Christoph Schlewinksi (47) aus Köln in der Jury des „Kinderspiels des Jahres“ – und über diesen Titel kann natürlich niemand entscheiden, der die nominierten Spiele nicht auch selbst getestet hat! Heute wird die Entscheidung darüber gefällt, welches das Kinderspiel 2020 ist. Wir haben mit Christoph Schlewinski darüber gesprochen.

 

Interview

Christoph Schlewinski, Sie sind Koordinator der Jury „Kinderspiel des Jahres“ – heißt das, Sie dürfen den ganzen Tag Spiele ausprobieren?
Im Grunde ja. Vor der Corona-Zeit bin ich mit einem Beutel voller Spiele in Schulen und Kindergärten gefahren, habe die Regeln erklärt, das Spiel moderiert und die Kinder beim Spielen beobachtet. Anschließend frage ich sie, wie es ihnen gefallen hat. Selber mitspielen tue ich nicht immer. Kinder haben sehr feine Antennen, und wenn ein Erwachsener dabei ist, könnte das den ganzen Spielverlauf beeinflussen. Aber das mit dem persönlichen Kontakt geht natürlich im Moment nicht. Stattdessen stelle ich wie ein Weihnachtsmann Spiele-Pakete vor die Türen befreundeter Familien und skype dann manchmal mit ihnen, um zu erklären, oder mir die Meinung über das Spiel von ihnen anzuhören

Wie wird man denn Mitglied in der Jury?
Man muss Spielekritiker sein, also Spiele bewerten. Dann fragt die Jury meistens von allein, ob man mitmachen möchte. Pro Jahrgang wählen die anderen sechs Jurymitglieder und ich dann aus bis zu 160 Spielen die besten aus, treffen uns an einem Wochenende und entscheiden über die Top 10. Diese Diskussionen gehen über viele Stunden und sind anstrengend. Bis am Ende drei Spiele nominiert sind: In diesem Jahr sind es „Foto Fish“, „Speedy Roll“ und „Wir sind die Roboter“ – eine bunte Mischung aus Geschicklichkeits-Spielen und Übungen, sich in andere hineinzuversetzen.Man muss Spielekritiker sein, also Spiele bewerten. Dann fragt die Jury meistens von allein, ob man mitmachen möchte. Pro Jahrgang wählen die anderen sechs Jurymitglieder und ich dann aus bis zu 160 Spielen die besten aus, treffen uns an einem Wochenende und entscheiden über die Top 10. Diese Diskussionen gehen über viele Stunden und sind anstrengend. Bis am Ende drei Spiele nominiert sind: In diesem Jahr sind es „Foto Fish“, „Speedy Roll“ und „Wir sind die Roboter“ – eine bunte Mischung aus Geschicklichkeits-Spielen und Übungen, sich in andere hineinzuversetzen.

Was ist bei guten Kinderspielen wichtiger als bei Erwachsenenspielen?
Vor allem kleinere Kinder können sich Spiele nicht unbedingt selbst erarbeiten. Heißt: Die Erwachsenen im Umfeld sollten die Regeln leicht verstehen können, so dass keiner enttäuscht ist oder ungeduldig wird, wenn man das Spiel ausprobiert. Außerdem sagen 80 Prozent der Kinder, dass sie Spiele, bei denen man im Team arbeitet, am liebsten mögen.

Sind Sie es nicht auch mal leid, sich so oft in neue Spiele und Regeln hineinzudenken?
Dazu muss man sagen: Alle, die in unserer Jury mitmachen, sind etwas bekloppt (lacht). Wir testen die Spiele ehrenamtlich, das heißt, wir bekommen kein Geld für diese Arbeit und opfern unsere Freizeit dafür. Das würden wir nicht machen, wenn es keinen Spaß machen würde! Ich mag an Spielen so sehr, dass man dabei ein ganz anderer Mensch sein kann. Und: Spielen ist für mich ein bisschen so wie Meditation. In meinem Kopf ist es manchmal so trubelig wie in einer Bahnhofsvorhalle, wenn beruflich und privat viel los ist. Indem ich Spielregeln lese, kann ich komplett von allem abschalten. Spiele sind einfach eine unheimliche Bereicherung. Es sitzen mehrere Leute am Tisch und ganz egal welche Hautfarbe sie haben, alle haben das gleiche Ziel oder spielen gemeinsam im Team. In dem Moment zählt nur der friedliche Wettstreit. Nur meine Nachbarn hassen mich vermutlich dafür, dass ich so viele Pakete bekomme und dann die Altpapiertonnen mit den Verpackungen voll mache (lacht).

Gerade in der Coronazeit haben Spiele für viele Familien bestimmt nochmal eine andere Bedeutung bekommen.
Auf jeden Fall! Ich hoffe, dass viele diese intensive Familienzeit auch nach Corona beibehalten – indem man eben beispielsweise einen Spieleabend macht. Denn mit Kindern zu spielen ist ein unterschätztes Privileg! Kinder begeistern sich noch ganz anders an Spielen als Erwachsene – und indem wir Großen das beobachten, merkt man vielleicht auch selbst, wie stark das eigene, innere Kind eigentlich noch ist.

Das Interview führte Elisa Sobkowiak

 

Hier kannst du ab 10.30 Uhr die Preisverleihung live verfolgen:
www.spiel-des-jahres.de