Allein unter Vögeln

Allein unter Vögeln
Löffler sitzen auf der Vogelinsel Trischen. Foto: Anne Evers/Nabu/dpa


Anne Evers lebt allein auf einer Insel mit Tausenden von Vögeln. Sie ist Vogelwartin auf der Insel Trischen in der Nordsee. Das Stück Land im Wattenmeer bietet Vögeln einen Schutzraum zum Brüten und zum Rasten. Von März bis Oktober passt Anne Evers auf die Insel auf. Im Interview erzählt sie von ihrem besonderen Leben auf der Insel.

Interview

Anne Evers ist Vogelwartin auf der Nordseeinsel Trischen. Foto: Renè Gerrits/privat/dpa

Frau Evers, auf der Insel haben Sie schon mal „Land unter“ erlebt, also eine Art Überschwemmung. Wie war das?
Das war sehr aufregend. Ich wusste ja nicht, wie hoch das Wasser noch steigen würde. Und dann war ein totaler Sturm dabei. Die Vögel drängten sich auf den höher gelegenen Plätzen der Insel ganz eng aneinander. Manchmal flogen sie in großen Schwärmen auf, um wieder einen anderen sicheren Ort zu suchen. Das extreme Hochwasser dauerte aber nicht lang.

Sie zählen auf Trischen täglich Vögel – wie machen Sie das?
Es gibt verschiedene Zählungen. Jeden Tag zähle ich nach Sonnenaufgang alle Vögel, die Trischen überfliegen. Man nennt das Zugplan-Beobachtung. Ich schreibe alle fünf Minuten auf, welche Vögel in welcher Richtung unterwegs sind.

Etwas Besonderes ist die Springtiden-Zählung. Wenn das Wasser sehr hoch aufläuft, kann ich die Vögel am besten zählen. Sie sind dann wie beim »Land unter« sehr dicht beieinander. Dazu steige ich auf den Turm an meiner Hütte und schaue zur Ostseite, zu den Salzwiesen, zum Wasser und zum Strand. Später laufe ich über die Insel. Rund fünf Stunden brauche ich insgesamt für diese Zählung.

Ein Rotschenkel sitzt in den Salzwiesen der Insel Trischen. Foto: Anne Evers/Nabu/dpa

Wie können Sie Tausende Vögel zählen?
Es kommt immer auf die Vogelart an. Bei den Möwen gibt es auf Trischen etwa 3000 Brutpaare. Ich zähle sie in Zehner- und Hunderter-Gruppen. Bei Wiesenvögeln wie den Austernfischern oder Rotschenkeln sind es nicht so viele. Bis 300 Vögel kann ich gut einzeln zählen. Dabei hilft mir meine Zähluhr. Für jeden Vogel, den ich entdecke, drücke ich ein Knöpfchen. Die Zahlen schreibe ich in ein kleines Notizbuch und später am Computer in eine Tabelle.

Wie überleben Sie allein auf der Insel?
Normalerweise kommt einmal in der Woche das Schiff „Luise“. Kapitän Axel bringt mir von Friedrichskoog alles mit, was ich brauche: frisches Wasser, Gemüse, Brot, Briefe. Ich habe aber auch Lebensmittel und Wasser auf Reserve da. Kürzlich konnte die „Luise“ nicht fahren, weil die Schleuse am Hafen kaputt war. Da musste ich für eine Zeit zurück aufs Festland. Zum Glück haben wir nun ein Schiff gefunden, das mich von einem anderen Hafen wieder zur Insel gebracht hat und versorgen kann. Schön ist, dass ich manchmal auch Besuch bekommen kann, von meinem Mann, einer Freundin oder Wissenschaftlern.

Mit diesem Haus auf Stelzen ist die Vogelwartin Anne Evers auch bei Hochwasser gut geschützt. Foto: Anne Evers/Nabu/dpa

Wie bleiben Sie in Kontakt mit anderen Menschen?
Das geht über Handy oder Internet. Und ich habe ein Funkgerät. Es gibt auch eine Notfalltaste. Mein Alarm landet in der Seenotrettungszentrale in Bremen. Ein Hubschrauber wäre dann schnell bei mir.

Das Gespräch führte Claudia Irle-Utsch (dpa)

Das Versorgungsschiff “Luise” und sein Kapitän Axel Rohwedder versorgen die Vogelwartin auf der Insel Trischen. Foto: Anne Evers/Nabu/dpa

Mehr Infos zur Insel

Die Insel Trischen liegt etwa 14 Kilometer vor Friedrichskoog. Das ist ein Ort an der Nordseeküste. Die Insel ist knapp drei Kilometer lang. Trischen besteht nur aus Sand. Wind und Wasser verändern die Insel. Langsam, aber stetig wandert sie immer weiter nach Osten Richtung Festland. Auf Trischen leben bis zu 20000 Vogelpaare. (dpa)