Beim Klettern Freunde finden

Beim Klettern Freunde finden
Flüchtlingskinder klettern in der Kletterhalle Stuntwerk Köln. Foto: Michael Bause

Lilly steht auf der dicken Matte und blickt nach oben. „Ja, ja“, ruft sie Doa zu, „das ist richtig!“ Doa hängt wie ein Äffchen an der Kletterwand und zieht sich an den bunten Steinen nach oben. Unsicher greift sie mit den Händen mal nach links und mal nach rechts. In welche Richtung soll sie weiter klettern? Deswegen gibt Lilly ihr vom Boden aus Tipps. Die beiden Mädchen gehen auf die Grundschule KGS Horststraße in Köln-Mülheim und machen bei dem Projekt „Neue Freunde finden“ mit. Wir haben das Projekt besucht und erzählen dir, warum es so besonders ist.

Foto: Michael Bause

Die Idee

Ausgedacht haben sich das Projekt zwei Mitarbeiter von der KGS Horststraße und dem Träger KJA Köln. Eine davon ist Sabrina Esser, sie ist Sozialarbeiterin an der Schule. „Wir wollten ein Projekt machen, in dem die Kinder aus den EKL-Klassen Schüler aus den Regelklassen kennenlernen“, erzählt sie. EKL ist die Abkürzung für Eingliederungsklasse. Kinder, die aus einem fremden Land zu uns kommen und kein Deutsch sprechen, gehen zunächst in so eine Klasse. Wenn sie gut genug Deutsch können, wechseln sie in eine normale Klasse. Seit vor drei Jahren viele Flüchtlingskinder nach Deutschland gekommen sind, gibt es an vielen Schulen EKL-Klassen. „Wir dachten, dass es den EKL-Kindern helfen würde, wenn sie schon einen Freund in der Regelklasse hätten“, sagt Sabrina Esser. So entstand die Idee zu dem Projekt.

Die Umsetzung

Auch an anderen Schulen gibt es solche Projekte, manchmal werden zum Beispiel Fußball-Camps gemacht. „Bouldern gibt es aber sonst nicht“, sagt Sabrina Esser. Beim Bouldern klettert man an Steinen aus Kunststoff eine Wand hinauf. Weil die Wand nicht so hoch ist, muss man nicht gesichert sein. Es ist aber trotzdem nicht gefährlich – denn auf dem Boden liegen ja die dicken Matten. Oft ist es so, dass man beim Klettern nicht sehen kann, wie man weitermachen soll. Deswegen gibt es bei dem Projekt Partner: Einer klettert an der Wand, so wie Doa, der andere steht unten und gibt Tipps, so wie Lilly. Meistens ist es so, dass das EKL-Kind einen Partner hat, mit dem es später auch in eine Klasse kommt. „Wenn man so eng zu zweit zusammenarbeitet, ist es ja viel leichter sich kennenzulernen als wenn man in einer großen Gruppe ist“, sagt Sabrina Esser.

Foto: Michael Bause

Lilly und Doa

Das Projekt läuft seit Juni, diese Woche endet es. Weil es aber so gut funktioniert hat, wünscht sich Sozialarbeiterin Sabrina Esser, dass es im nächsten Jahr wieder stattfindet. Lilly (9, rundes Bild rechts) hatte vor den Herbstferien eine andere Partnerin, die jetzt auf der weiterführenden Schule ist. Lilly mag das Bouldern. Insgesamt machen 64 Kinder mit, es gibt vier Gruppen, jede Gruppe geht ein Mal im Monat im „Stuntwerk“ in Mülheim klettern. Alle Kinder aus den Regelklassen mussten eine Bewerbung schreiben und erklären, warum sie gerne bei dem Projekt mitmachen wollen. Die besondere Schwierigkeit bei Doa und Lilly: Doa (8, rundes Bild links) ist erst seit einem Monat in Deutschland und versteht nur sehr wenig Deutsch. „Meistens verständigen wir uns über Zeigen und Zeichen“, erzählt Lilly. Das Wort „Ja“ versteht Doa aber sehr gut. Denn sobald Lilly ihr das zugerufen hat, klettert Doa nach rechts oben weiter – und erreicht den letzten Stein der Route.

Foto: Michael Bause

Die Kletterpartner Eren und Mohamad Eren (9), Regelklasse

Das Projekt gefällt mir sehr gut. Es läuft super zwischen Mohamad und mir und wir haben viel Spaß beim Klettern. Für die neuen Kinder in der Schule ist es schwierig, wenn sie kein Deutsch können. Deswegen wollte ich gerne bei dem Projekt mitmachen. Ich kümmere mich um Mohamad, wenn es ihm mal nicht so gut geht oder erkläre ihm Sachen, wenn er die deutschen Sätze nicht versteht. Durch das Projekt ist meine Freundschaft zu Mohamad stärker geworden. Seit den Sommerferien sind wir auch endlich gemeinsam in einer Klasse. Ich hoffe, dass wir nächstes Jahr zusammen auf die weiterführende Schule gehen.

Mohamad (9), ehemals EKL

Beim Klettern hilft es total, dass der andere Tipps gibt, weil man einfach nicht so viel sieht. Ich bin vor zwei Jahren aus Syrien nach Deutschland gekommen, mein Vater ist schon seit vier Jahren hier. In Syrien hat mir das Wetter besser gefallen und dass wir einfach auf der Straße spielen konnten. In Deutschland ist die Schule aber viel schöner – hier lerne ich viel mehr. In Syrien haben die Lehrer uns oft auf die Finger geschlagen und uns gar nichts beigebracht. Hier habe ich in ganz kurzer Zeit gut rechnen gelernt. Als ich nach den Sommerferien in die neue Klasse kam, hat es mir geholfen, dass ich Eren schon kannte. Im Unterricht komme ich gut mit.

Von Angela Sommersberg