„Politik betrifft jeden – egal wie alt“

„Politik betrifft jeden – egal wie alt“
Olivia Seltzer. Foto: Privat

Olivia, du stehst jeden Morgen um fünf Uhr auf. Warum machst du das?
Ich stehe so früh auf, damit ich Zeit habe, Nachrichten zu lesen, wichtige Artikel herauszusuchen und diese so umzuschreiben, dass sie Jugendliche ansprechen. Dann verschicken mein Team und ich den Newsletter „The Cramm“ per Mail und posten ein Video auf Instagram. „The Cramm“ wird in mehr als 80 Ländern auf der Welt gelesen.

Wow! Warum hast du denn mit dem Newsletter angefangen?
Nach der Präsidentenwahl in den USA 2016, hat jeder in der Schule darüber gesprochen, was gerade im Weißen Haus passiert. Alle waren total interessiert an Politik, aber dadurch, dass die traditionellen Medien meist von Erwachsenen für Erwachsene gemacht werden, fühlten sich viele Jugendliche nicht angesprochen. Und weil keiner Zeitung gelesen oder die Nachrichten im Fernsehen geguckt hat, hatten wir gar nicht die nötigen Informationen, um etwas zu verändern. Deswegen habe ich im Februar 2017 beschlossen, „The Cramm“ zu starten.

Über welche Themen schreibst du?
Für viele unserer Leser ist „The Cramm“ die einzige Nachrichtenquelle. Deswegen berichte ich über die Themen, über die gerade am meisten gesprochen wird – also die Top-Themen der traditionellen Nachrichten. Aber ich suche auch nach anderen Geschichten, die sich mit sehr ernsthaften Themen beschäftigen, aber nicht so oft in den großen Medien vorkommen, weil sie keine Sensation sind. Meine Generation hat verstanden, dass auch solche Geschichten sehr wichtig sind. Ich meine damit zum Beispiel die Feuer im Amazonas-Gebiet, die Proteste im Sudan oder die Vertreibung der Rohingya-Muslime aus Myanmar. Das sind alles Geschichten, die viele Menschen in extremer Weise betreffen, aber leider nicht die Aufmerksamkeit in den Medien bekommen, die sie verdient haben.

Olivia Seltzer. Foto: Privat

Um die erwachsenen Nachrichten für Jugendliche aufzubereiten, musst du sie aber ja erstmal selbst verstehen. Wie machst du das überhaupt?
Zum Glück haben meine Eltern immer mit meinem Bruder und mir über Politik und Nachrichten diskutiert. In vielen unserer Gespräche am Esstisch ging es darum, was gerade in der Welt passiert. Wir haben auch jeden Abend mit unseren Eltern die Nachrichten geguckt. Schon bevor ich mit „The Cramm“ losgelegt habe, kannte ich also die Wörter, die in den Nachrichten benutzt werden. Trotzdem muss ich immer noch Sachen nachgucken, um sicher zu sein, dass ich richtig informiert bin. Aber mit den Jahren ist es einfacher geworden.

Wie müssen Nachrichten denn aufbereitet sein, damit sie interessant für Jugendliche sind?
Nachrichten sind ja eigentlich schon von sich aus interessant. Aber leider sind sie oft so aufbereitet, dass sie junge Menschen überfordern. Weil traditionelle Medien vor allem von älteren Menschen gemacht werden, erwarten diese, dass ihre Leser ähnlich alt sind wie sie, und schon ein großes politisches und geschichtliches Vorwissen haben – einfach, weil diese Leute schon gelebt haben, als es passiert ist. In vielen Artikeln fehlt dann der Zusammenhang. Jeden Morgen recherchiere ich solche Dinge noch mal nach – um meinen Lesern diesen Hintergrund bieten zu können. Ich denke auch darüber nach, wie ich meinen Freunden ein nachrichtliches Thema erzählen würde – und so schreibe ich es dann im Newsletter auf. Deswegen sprechen meine Texte Leute in meinem Alter an.

Viele Erwachsene denken, dass sich Kinder und Jugendliche nicht für Politik interessieren.
Wenn man mal an Jugendbewegungen wie Fridays For Future oder March For Our Lives denkt, bei denen Millionen Jugendliche mitmachen, dann sieht man: Jugendliche sind interessiert an Nachrichten und Politik – und stoßen damit weltweite Veränderungen an, die viele Erwachsene bisher nicht angegangen sind. Und völlig unabhängig davon, ob sich jemand für Politik interessiert oder nicht: Es betrifft einen. Nur, wenn wir uns informieren, können wir mithelfen, unsere Zukunft zu gestalten.

Das Gespräch führte Angela Sommersberg

The Cramm. Bildschirmfoto: http://www.thecramm.com/

Das ist „The Cramm“

Das Wort „cramming“ ist Englisch und bedeutet so viel wie „sich vollstopfen“. Olivia hat den Newsletter so genannt, weil sie sich mit Nachrichten vollstopft – und diese dann für ihre Leser aufbereitet. Mittlerweile helfen ihr andere Jugendliche beim Schreiben. Der Newsletter ist auf Englisch, man muss sich dafür im Internet registrieren. Dann bekommt man ihn als Mail geschickt. Laut eigenen Angaben haben ihn mehr als eine Million Menschen abonniert.

Möchtest du dich mit Nachrichten informieren, die für Kinder aufbereitet wurden? Das geht auf dieser Seite, im Internet unter duda.news oder in der „Duda Kinderzeitung“. Mehr Nachrichten für Kinder gibt es im Fernsehen bei „Logo“ oder im Radio beim „KiRaKa“.

Olivias Steckbrief
– Wohnort: Santa Barbara, Kalifornien, USA
– Alter: 16
– Hobbys: Lesen, schreiben, wandern, schwimmen
– Lieblingsfach: Geschichte
– Berufswunsch: Am liebsten würde ich „The Cramm“ später auch als Beruf machen oder ich studiere Jura
– Haustier: Ein Hund namens Tuesday (das heißt Dienstag)
– Geschwister: jüngerer Bruder