„Rotkäppchen“ kurz und knapp

Rotkäppchen erkennt nicht, dass sie es mit dem bösen Wolf - und nicht mit der Großmutter zu tun hat. (Foto: „Offterdinger Rotkappchen (2)“ von Carl Offterdinger - Mein erstes Märchenbuch, Verlag Wilh. Effenberger, Stuttgart, end of the 19th century. See Cover and title page. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Offterdinger_Rotkappchen_(2).jpg#/media/File:Offterdinger_Rotkappchen_(2).jpg)
Rotkäppchen erkennt nicht, dass sie es mit dem bösen Wolf - und nicht mit der Großmutter zu tun hat. (Foto: „Offterdinger Rotkappchen (2)“ von Carl Offterdinger - Mein erstes Märchenbuch, Verlag Wilh. Effenberger, Stuttgart, end of the 19th century. See Cover and title page. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Offterdinger_Rotkappchen_(2).jpg#/media/File:Offterdinger_Rotkappchen_(2).jpg)

Das Märchen „Rotkäppchen“ ist eine der bekanntesten Erzählungen in ganz Europa. Aufgeschrieben haben es unter anderem die Gebrüder Grimm.

ROTKÄPPCHEN
Es war einmal ein süßes Mädchen, das mit seiner Mutter auf dem Dorf lebte. Seine Großmutter schenkte ihm ein rotes Käppchen, das ihm so gut stand, dass es nichts anderes mehr tragen wollte. So nannte jeder das Mädchen „Rotkäppchen“.

Eines Tages sagte ihm seine Mutter: „Rotkäppchen, hier ist ein Stück Kuchen und eine Flasche Wein. Bring das der Großmutter hinaus. Sie ist krank und schwach, sie wird sich daran erfrischen. Wenn du hinaus kommst, geh sittsam und lauf nicht vom Weg ab. Sonst fällst du und zerbrichst die Flasche und die arme Großmutter hat nichts.“

Rotkäppchen nickte und machte sich auf den Weg. Im Wald traf sie auf den großen bösen Wolf. „Guten Tag Rotkäppchen!“ sagte der Wolf, „Schönen Dank!“ antwortete das Rotkäppchen, denn es kannte den Wolf noch nicht und wusste nicht, dass er so ein böses Tier ist. Der Wolf fragte, wo das Rotkäppchen hingehe. Es antwortete: „Ich bringe meiner Großmutter Wein und Kuchen, denn sie ist ganz krank und sie schenken ihr Kraft.“

„Gut!“, dachte sich der Wolf. „Die Großmutter und das Rotkäppchen, die schnappe ich mir beide!“ Der Wolf riet dem Rotkäppchen sich die wunderschönen Blumen ringsumher anzuschauen. Das Rotkäppchen schaute sich um und dachte sich, dass frische Blumen der Großmutter sicher gut tun würden. Das Mädchen sah eine schöne Blume nach der Anderen und so kam es immer weiter vom Weg ab und ging immer tiefer in den Wald. Der Wolf lief zum Haus der Großmutter und klopfte an ihre Tür: „Großmutter, hier ist das Rotkäppchen! Ich bringe dir Wein und Kuchen, mach auf!“ Die Großmutter antwortete: „Ich bin zu schwach aufzustehen, drück nur auf die Klinke!“ Der böse Wolf drückte die Klinke, lief schnell zum Bett der Großmutter und aß sie auf.

Der Wolf zog sich die Kleider der Großmutter an, setzte ihre Haube auf, legte sich ins Bett und wartete auf das Rotkäppchen. Als Rotkäppchen am Haus der Großmutter angekommen war, wunderte sie sich, dass die Haustür offen stand. Sie ging an das Bett der Großmutter und sagte: „Großmutter, was hast du für große Ohren!“ – „Dass ich dich besser hören kann!“ – „ Großmutter, was hast du für große Augen!“ – „Dass ich dich besser sehen kann!“ – „Großmutter, was hast du für große Hände!“ – „Dass ich dich besser packen kann!“ – „Großmutter, was hast du für ein großes Maul!“ – „Dass ich dich besser fressen kann!“ sagte der Wolf und aß auch das Rotkäppchen.

Als der Wolf seinen Appetit gestillt hatte, legte er sich ins Bett, schlief ein und fing an, laut zu schnarchen. Das hörte der Jäger, der an dem Haus vorbei ging. „Wie die alte Frau schnarcht“, dachte er. Der Jäger ging in das Haus, um nachzuschauen, ob ihr was fehle und sah, wie der große böse Wolf mit seinem dicken Bauch im Bett der Großmutter schlief. „Jetzt hab ich dich, du alter Sünder! Wie lange ich dich schon gesucht habe!“ dachte der Jäger und legte seine Büchse an. Da fiel ihm ein, dass der Wolf die arme Großmutter gefressen haben könnte. Er nahm eine Schere und schnitt den dicken Bauch des Wolfes auf. Sofort sah er das Rotkäppchen. Nach ein paar Schnitten konnte sich das Mädchen befreien. „Ach, wie war ich erschrocken, wie war es dunkel in dem Wolf seinem Leib!“, sagte das Rotkäppchen.

Auch die Großmutter konnte aus dem Bauch des Wolfes gerettet werden. Der Jäger, Rotkäppchen und die Großmutter holten große Steine und füllten damit den Bauch des Wolfes. Als er aufwachte, wollte er fortspringen, aber die Steine in seinem Leib waren so schwer, dass er gleich niedersank und tot umfiel.  Der Jäger zog seinen Pelz ab und ging damit nach Hause. Die Großmutter aß den Kuchen und trank den Wein und erholte sich wieder. Das Rotkäppchen dachte, dass sie nie wieder den Weg verlassen wolle, den sie eigentlich gehen sollte.

Zusammengefasst von Sibel Schick

Der Hintergrund zu „Rotkäppchen“

Dass man sich stets in Acht nehmen muss und Fremden nicht zu vertrauensvoll entgegentreten darf, weiß heute jedes Kind. Auch, weil fast jedes Kind die Geschichte von Rotkäppchen und dem bösen Wolf kennt. Heute existieren unzählige Varianten des Märchens. Die bekannteste ist die der Gebrüder Grimm aus dem Jahr 1812. Doch auch vorher erzählten sich die Menschen die Geschichte. Eine Version erzählt von einem Mädchen, das mit Wölfen aufwächst und ein rotes Käppchen besitzt. In anderen handelt es sich nicht um einen Wolf, sondern um eine Ziege. Ziege? Erinnert an „Der Wolf und die sieben Geißlein“. Und tatsächlich haben Forscher herausgefunden, dass diese beiden Märchen denselben Ursprung haben. Die Wurzeln dieser Märchen reichen bis ins erste Jahrhundert vor Christus, also über 2000 Jahre zurück. Eine weitere sehr berühmte Erzählung des Rotkäppchens schrieb der Franzose Charles Perrault im Jahr 1697 auf. Sie wurde am königlichen Hof von Versailles vorgelesen und sollte die edlen Hofdamen unterhalten. In seiner Erzählung werden die Großmutter und Rotkäppchen nicht vom Jäger gerettet. Es gibt also kein Happy End.

Von Franziska Gajek