Der Schnabel verrät das Essen

Der Schnabel verrät das Essen
Krähen fressen gerne Larven und Käfer. Ihr Schnabel verrät das. (Foto: dpa)

Beobachtest du gerne Vögel am Futterhäuschen, im Garten oder im Park? Kleiner Tipp: Achte mal ganz genau auf den Schnabel. Er verrät dir, was der Vogel am liebsten frisst. Das funktioniert tatsächlich!

„Die Natur hat jedem Vogel das passende Werkzeug fürs Fressen mitgegeben“, sagt Peer Cyriacks. Er ist Vogel-Experte bei der Deutschen Wildtier Stiftung. So wie in einem Werkzeugkasten eine kleine Zange für dünne Drähte und eine große Zange für dicke Rohre liegt, gibt es auch Vögel, die einen schmalen, spitzen Schnabel haben und andere, die einen kompakten, kräftigen haben. Welche Vogelart welchen Schnabel hat, hängt davon ab, welche Nahrung sie frisst.

„Über Millionen von Jahren hat die Natur dafür gesorgt, dass der Schnabel und die Lieblingsnahrung der Vögel gut zusammenpassen“, sagt der Biologe. Nur so kann die Art überleben. Zwei Dinge haben aber alle Schnäbel gemein: Sie sind sehr empfindlich und bestehen aus einem harten Material, das so ähnlich ist wie unser Knochen. Zusammen mit Peer Cyriacks stellen wir dir sechs häufige Schnabelarten vor.

Der Pinzetten-Schnabel

Der Kleiber (Foto: dpa)

Amseln, Kleiber, Rotkehlchen, Drossel, Star, Zaunkönig oder Specht haben einen Pinzetten-Schnabel. „Diese Tiere mögen kleine und weiche Nahrung“, sagt Peer Cyriacks. Getrocknete Beeren, Rosinen, Apfelstückchen oder Würmer stehen auf dem Speiseplan. Der Schnabel ist lang und spitz – so ähnlich wie eine Pinzette. „Wenn die Amsel ihren Schnabel in die Erde steckt, spürt sie, ob sich dort ein Regenwurm regt. Dann öffnet sie den Schnabel, nimmt den Wurm auf, schließt den Schnabel und schluckt den Wurm im Ganzen runter.“ Vögel schlucken ihre Nahrung fast immer ganz herunter. Denn sie haben keine Zähne, mit denen sie kauen könnten.

Der Kompakt-Schnabel

Die Blaumeise (Foto: dpa)

Vögel mit solchen Schnäbeln kannst du häufig am Futterhäuschen beobachten. Ihr Schnabel ist so geformt, dass sie harte Körner und Nüsse fressen können. Zu dieser Gruppe gehören Buch- und Grünfinken, Meisen oder Spatzen. „Der Schnabel ist kompakt und kräftig. Er arbeitet wie ein Nussknacker“, sagt Peer Cyriacks. Allerdings essen die Tiere nur den Kern und nicht die Schale, denn die vertragen sie nicht gut. „Wir essen ja auch nicht die Packung der Milch mit.“ Die Tiere haben sich verschiedene Tricks überlegt, um Schale und Kern voneinander zu trennen. Meisen fliegen mit der ganzen Nuss zu einem ruhigen Ort, halten sie mit den Zehen fest, picken sie auf und verzehren nur das Innere.

Der Löffel-Schnabel

Die Ente (Foto: dpa)

Wasservögel wie Enten und Schwäne haben einen Schnabel, der wie ein Löffel geformt ist. Der eignet sich perfekt zum Gründeln, also um unter Wasser Nahrung zu suchen. Die Stockente  taucht mit geöffnetem Schnabel unter der Oberfläche und sammelt alle möglichen Wasserpflanzen. „Das funktioniert fast wie bei einem Kescher“, sagt der Experte. Dann presst die Ente das Wasser heraus, sortiert schlechte Dinge wie Müll aus und schluckt die Nahrung herunter. Andere Enten tauchen am Seeboden entlang, ertasten mit ihrem Schnabel die Umgebung und fressen gezielt Muscheln oder Insektenlarven.

Der Säge-Schnabel

Ein Gänsesäger beim Essen (Foto: dpa)

Auch die Säger gehören zu den Entenvögeln. Im Gegensatz zu den meisten Entenvögeln gründeln sie allerdings nicht, sondern jagen kleine Fische. Dafür brauchen sie einen ganz besonders geformten Schnabel: Er ist schmal und spitz und hat an beiden Seiten Zacken wie eine Säge. „Erwischen die Tiere einen Fisch, klemmen sie ihn zwischen den Zacken ein, damit er nicht aus dem Schnabel herausflutschen kann“, sagt der Experte. Dann schlucken sie ihn im Ganzen herunter. Diese Vögel können länger als eine Minute unter Wasser bleiben. Es gibt zum Beispiel: den großen Gänsesäger, den Mittelsäger und den kleinen Zwergsäger.

Der Haken-Schnabel

Der Mäusebussard (Foto: dpa)

Die meisten Vögel, die jagen und Fleisch fressen, haben einen Haken-Schnabel. Dazu gehören Adler,  Habicht, Sperber oder Eule. Der Schnabel ist kräftig und scharfkantig. Manchmal töten die Vögel ihre Beute mit dem Schnabel, manchmal mit den Krallen. „Je größer die Beute ist, desto größer ist der Schnabel“, sagt Peer Cyriacks. Der Mäusebussard zum Beispiel hat einen kleinen Schnabel, denn seine Lieblingsspeise sind – wie der Name sagt – Mäuse. Der Steinadler hingegen hat einen größeren Schnabel, denn er jagt Hasen und Füchse, und die kann er nicht ganz schlucken. Mit dem Schnabel pickt er Stücke aus dem Tier.

Der Allesfresser-Schnabel

Der Eichelhäher (Foto: dpa)

Vögel wie Eichelhäher, Dohle oder Elster haben sich nicht auf eine besondere Nahrung spezialisiert, sondern bedienen sich aus jeder Ecke. Sie ertasten Würmer unter der Erde nicht so gut wie die Amsel und trennen die Schale und den Kern einer Nuss nicht so perfekt wie die Meise – dafür können sie von allem ein bisschen: Eicheln knacken, Abfälle verschlingen oder Würmer zerteilen. Die Vögel dieser Gruppe fressen nämlich fast alles: Insekten, Mäuse, Aas, Früchte, Nüsse oder menschliche Abfälle. „Ihr Schnabel ist wie eine Kombi-Zange für verschiedene Nahrung und sieht auch nicht speziell aus“, sagt Peer Cyriacks.

Von Angela Sommersberg

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