Sind Einzelkinder egoistisch?

Sind Einzelkinder egoistisch?
Einzelkinder bekommen ein ganzes Leben lang die volle Aufmerksamkeit der Eltern. Macht das verwöhnt? (Foto: dpa)

Einzelkinder sind verwöhnt. Wissen immer alles besser. Können nicht teilen. Solche Dinge behaupten viele Leute über Einzelkinder. Aber stimmt das? Was sind Vorteile daran, Einzelkind zu sein? Was sind Nachteile? Und macht es überhaupt einen Unterschied, ohne Geschwister aufzuwachsen? Das haben wir heute, zum Tag der Geschwister, Joachim Lask gefragt. Er ist Psychologe und Experte für Familien.

Wie viele Einzelkinder gibt es in Deutschland?

Ungefähr jedes vierte Kind in Deutschland hat keine Geschwister. Das sagt das Statistische Bundesamt. „Am häufigsten ist aber immer noch eine Familie mit zwei Kindern“, sagt Joachim Lask. Etwa die Hälfte aller Kinder in Deutschland hat einen Bruder oder eine Schwester. Jedes vierte Kind hat mehrere Geschwister. „Viele Paare wollen eigentlich mehr Kinder, überlegen es sich manchmal aber anders“, sagt der Experte. Das kann daran liegen, dass die Eltern sich trennen, dass sie zu alt für ein zweites Kind sind oder dass sie glauben, weitere Kinder nicht mit ihrem Job vereinbaren zu können.

Wie ist es, ohne Geschwister aufzuwachsen?

„Einzelkinder wissen, dass für sie immer gut gesorgt wird“, sagt Joachim Lask. „Deswegen sind sie eher vertrauensselig.“ Denn Einzelkinder müssen die leckere Pizza, das neue Spielzeug oder die Aufmerksamkeit der Eltern eben mit niemandem teilen. Wenn du Geschwister hast, dann weißt du: Man streitet sich oft. Schaut immer, wer der Bessere ist. Und wer mehr Aufmerksamkeit von Mama und Papa bekommt. All das ist wichtig, denn so lernt man, wie man streitet und teilt. „Für Einzelkinder ist es schwieriger, diese sogenannten sozialen Kompetenzen zu lernen, denn sie müssen das in der Kita oder Schule tun“, sagt Joachim Lask. So ist die Lernzeit einfach kürzer – weil man dort eben nur einige Stunden pro Tag verbringt, mit den Geschwistern zu Hause aber viel mehr.

Wie ist die Beziehung von Einzelkindern zu den Eltern?

Geschwister kämpfen miteinander – und lernen dabei. (Foto: dpa)

Viele Geschwister streiten sich die ganze Zeit fürchterlich. Aber gegen die Eltern halten sie fest zusammen. „Wenn man zu zweit gegen die Eltern ist, hat man natürlich mehr Macht“, sagt Joachim Lask. Bei Einzelkindern gibt es zwei Möglichkeiten: „Entweder das Kind lernt, sich alleine gegen die Eltern durchzusetzen – oder es zieht sich zurück und macht es so, wie die Eltern es für richtig halten.“

Generell ist es aber so, dass die Beziehung von Einzelkindern zu ihren Eltern gleich gut ist wie die von Geschwisterkindern. Weil Einzelkinder viel Zeit mit den Eltern alleine verbringen, gewöhnen sie sich oft Erwachsenen-Sprache an. „Dann wirken sie manchmal besserwisserisch“, sagt Joachim Lask.

„Ein anderes Problem ist, dass die Eltern all ihre Hoffnungen und Erwartungen auf das eine Kind konzentrieren“, sagt der Psychologe. Die Eltern wünschen sich zum Beispiel, dass das Kind besonders gut in der Schule ist. Das kann einen ganz schön unter Druck setzen – aber auch Vorteile haben: Studien aus Amerika zeigen, dass Einzelkinder erfolgreicher sind und bessere Abschlüsse machen. „Als Einzelkind sollte man aber auch mal mutig sein und den Eltern sagen: So bin ich einfach. Man muss nicht alles tun, was die Eltern wollen.“

Wie sind Einzelkinder denn nun?

„Es gibt in der Forschung viel mehr Erkenntnisse dazu, welche Fähigkeiten Geschwisterkinder haben“, sagt Joachim Lask. Oft ist es aber so: „Einzelkinder nehmen sich einfach das, was sie haben wollen – ohne darüber nachzudenken, ob sie es noch teilen müssen.“

Manche Einzelkinder sind auch egoistisch und können nicht so gut Mitgefühl für andere entwickeln – denn das lernt man meist als kleines Kind durch die Geschwister. Das sogenannte Ur-Vertrauen, also das Wissen, dass die Eltern immer gut für einen sorgen,  haben aber eigentlich alle Einzelkinder. „Diese Kinder sind sich sicher, dass schon alles gut wird“, sagt Joachim Lask. Und jemanden als Freund zu haben, der so positiv denkt, ist doch toll!

Von Angela Sommersberg