Kindheit mit Mauer: Der Comic „Kinderland”
Mawil ist der Künstlername des Berliner Zeichners und Autoren Markus Witzel. Zum 25. Jahrestag des Mauerfalls am 9. November 2014 ist sein Comic „Kinderland” erschienen. Er erzählt von den letzten Wochen in der DDR aus Kindersicht. Das Buch wurde schon mit dem „Max und Moritz”-Preis als „Bester deutscher Comic” ausgezeichnet, und war im August auf der „Liste der Besten 7″ Jugendbücher. Wir haben mit Mawil auch über seine Kindheit in der DDR gesprochen.
Mawil, in deinem neuen Comic „Kinderland“ ist die Hauptperson Mirco traurig, als die Mauer in Berlin fällt. Warum?
Mawil: An dem Tag soll ein großes Tischtennis-Turnier stattfinden, auf das Mirco und seine Freunde ein Vierteljahr hingearbeitet haben. Das fällt dann aus. Auf diese Weise wird der Comic natürlich noch spannender. Gleichzeitig wollte ich den Mauerfall aber auch nicht so kitschig darstellen, wie das sonst oft gemacht wird. Trotzdem haben sich damals auch die Kinder über den Mauerfall gefreut, Mirco auch. Er ist dann ja auch total begeistert, dass es in den Läden in West-Berlin die Sachen gibt, die er nur aus dem West-Fernsehen kennt.
In „Kinderland“ geht es also um die letzten Wochen vor dem Mauerfall. Worum noch?
Mawil: Um Freundschaft und Mut. Die Hauptperson Mirco ist schüchtern und geht immer allen Gefahren aus dem Weg. Er braucht seinen neuen Mitschüler Torsten, der ihn ein bisschen aus der Reserve lockt.
Aber Torsten ist ja eigentlich gar nicht so beliebt…
Mawil: Torsten ist jemand, der sich nicht einordnen will. Er ist nicht in der Jugendorganisation der DDR, den Pionieren. Deswegen macht die Leiterin der Pioniere Stimmung gegen ihn. Dass sein Vater aus der DDR abgehauen ist, macht die Situation für ihn nicht leichter. Trotzdem hat auch Torsten den Wunsch, dazuzugehören. Deswegen passen Mirco und er gut zusammen: Mirco bringt Torsten in die Gesellschaft – und Torsten beschützt den ängstlichen Mirco.
Auch Mircos Eltern reden darüber, abzuhauen. Wollten damals alle weg?
Mawil: Man hat schon gemerkt: So geht das im Land nicht weiter. Es gab dann auch immer mal wieder Mitschüler, die plötzlich nicht mehr da waren. Es war schon beunruhigend, wenn die Eltern darüber nachgedacht haben. Wir Kinder wollten ja nicht weg aus der Schule und von den Freunden.
Das hört sich ja so an, als hättest du das alles selbst miterlebt. Erzählst du in Kinderland deine eigene Geschichte?
Mawil: Ja, ich bin in Ostberlin aufgewachsen und hab in der Nähe der Mauer gewohnt. Als die Mauer fiel, war ich 13 Jahre alt – so alt wie Mirko im Buch. Trotzdem habe ich mir die Geschichte für den Comic ausgedacht, denn mein Leben war nicht so spannend wie Mircos. Ich habe aber viele Erinnerungen und Geschichten aus meiner Kindheit in dem Buch verarbeitet. Zum Beispiel war der Tag des Mauerfalls bei mir genau so, wie ich ihn im Comic beschreibe: Wir sind mit meinen Eltern rüber nach Westberlin in ein Geschäft gegangen. Es war ein ganz normales Geschäft, aber für mich war es wahnsinnig bunt und spannend.
Woran erinnerst du dich denn noch?
Mawil: Wir haben in Berlin-Mitte gewohnt. Unsere Bus-Haltestelle war die letzte vor der Mauer, wir haben sie also ständig von weitem gesehen. Trotzdem haben wir als Kinder die Situation nicht in Frage gestellt. Wir haben zwar abends schon mal mit unseren Eltern über gewisse Dinge gesprochen, aber die haben uns auch nicht so viel erzählt. In der Schule wurden wir nämlich ausgehorcht, ob wir Ost- oder Westfernsehen gucken.
Du bist jetzt 38 Jahre alt – ist es dir schwergefallen, dich so genau an deine Kindheit zu erinnern?
Mawil: Ich habe versucht, meine erwachsene Sichtweise auszublenden. Als ich mich erinnert habe, musste ich mir eingestehen, dass ich damals schon ziemlich doof und naiv war und viele Sachen nicht verstanden habe. Aber natürlich kann ich nicht mehr ganz genau trennen, wann ich was verstanden habe.
Worauf hast du denn beim Zeichnen besonders viel Wert gelegt?
Mawil: Zuerst hatte ich die Idee, die DDR-Bilder in schwarz-weiß zu malen und die Szenen aus Westdeutschland in bunt. Das fand ich dann aber doch zu extrem. Die Bilder aus dem Kaufhaus in West-Berlin sind aber die einzigen, die in Neon-Farben gemalt sind. Es war mir wichtig, dass die Zeichnungen aussehen wie alte Fotos. Und obwohl ich mich an vieles von früher gut erinnere, musste ich doch nochmal nachgucken, wie genau die Häuser und Kleider aus den 80er Jahren ausgesehen haben. Und ich kann dir sagen: Die Klamotten waren echt hässlich!
Das Gespräch führte Angela Sommersberg
Der Comic „Kinderland“ von Mawil ist für Kinder und Erwachsene. Er ist im Verlag Reprodukt erschienen und kostet 29 Euro.
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