Der politische Wirbelwind des Jahres 1968

ARCHIV - 15.04.1968, Baden-Württemberg: Teilnehmer des Ostermarsches demonstrieren nach dem Attentat auf den Studentenführer und SDS-Ideologen Rudi Dutschke am 11. April 1968 gegen alle Staatsgewalt und einen Teil der Presse, vor allem gegen den Axel-Springer-Verlag. (Foto: dpa)
Die Studentenproteste des Jahres 1968 richteten sich vor allem gegen alle Staatsgewalt und einen Teil der Presse, insbesondere den Axel-Springer-Verlag. (Foto: dpa)

Jungs mit langen Haaren. Mädchen in Hosen. Tanzen zu Pop-Musik. Das war vor mehr als 50 Jahren in Deutschland total verpönt. Anfang der 1960er Jahre sah die Welt noch ganz anders aus. Das störte viele Jugendliche. Sie rebellierten, demonstrierten und protestierten – vor allem im Jahr 1968. Einer der wichtigsten Menschen dieser Zeit war Rudi Dutschke. Heute vor 50 Jahren wäre er bei einem Attentat fast ermordet worden. Wir erzählen dir, was damals los war.

Was war das Problem?

Anfang der 1960er Jahre war der Zweite Weltkrieg seit gut 15 Jahren vorbei, die Menschen hatten die zerstörten Städte wieder aufgebaut und es gab eine Demokratie. Doch über den Krieg und die schrecklichen Verbrechen der Nationalsozialisten (Nazis) sprach niemand. Das störte die Jugendlichen. Sie wollten wissen, was ihre Eltern im Zweiten Weltkrieg gemacht hatten.

Auch die Rollenbilder fanden viele jungen Leute blöd: Damals blieben die Mütter zu Hause bei den Kindern, die Väter arbeiteten. Wollte eine Frau arbeiten, musste sie ihren Mann fragen. Wenn die Jugendlichen neue Musik hörten, zum Beispiel die Band „The Beatles“, bekamen sie oft Stress mit ihren Eltern.

Wie ging alles los?

Als Erste protestierten die Studenten. Sie wollten bessere Studienbedingungen: Die Unikurse waren überfüllt, die Lehrpläne veraltet und viele Professoren schon in der Nazi-Zeit Professoren gewesen. Die jungen Leute fanden: Wer früher zu Hitler gestanden hatte, durfte keine Studenten unterrichten. Sie wollten mehr mitbestimmen und gründeten die Gruppe „Sozialistischer Deutscher Studentenbund“ (SDS). Die Mitglieder des SDS besetzten zum Beispiel Uni-Räume, hielten dort Reden und blockierten so den Alltag.

Wie ging es weiter?

17.02.1968, Berlin: Mit dem vom Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) organisierten Vietnam-Kongress erreichte der Studentenprotest in Deutschland seinen politischen Höhepunkt. (Foto: dpa)

Doch die jungen Leute setzen sich noch für andere Dinge ein: Sie wollten mehr Frieden auf der Welt und verurteilten den Krieg im Land Vietnam, an dem auch die USA teilnahmen. Und sie hatten ein Problem damit, dass es eine Große Koalition aus SPD und CDU/CSU gab (so wie heute auch). Die jungen Leute fanden, dass die beiden Parteien zu mächtig seien.

Die Demonstrationen waren meist friedlich, doch manchmal kam es zu Gewalt zwischen den Studenten und der Polizei. Bei einer Demonstration wurde es plötzlich chaotisch – und dann wurde der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen. Jetzt waren die Leute richtig empört und demonstrierten noch mehr.

Wer war Rudi Dutschke?

Er war Kopf und Stimme der Studentenbewegung: Rudi Dutschke. Am 11. April 1968 wurde er auf dem Kurfürstendamm in Berlin niedergeschossen. Er erlag den Spätfolgen des Attentats elf Jahre später am Heiligabend 1979 im Alter von 39 Jahren. (Foto: dpa)

Einer der bekanntesten Wortführer war Rudi Dutschke. Er studierte in West-Berlin Soziologie. Rudi Dutschke organisierte viele Demonstrationen, er schrieb Artikel und hielt Reden. An Weihnachten 1967 stürmte er in einen Gottesdienst und wollte mit den Leuten über den Vietnamkrieg diskutieren. Solche Aktionen – und seine langen Haare – kamen bei vielen älteren Menschen nicht gut an.

Rudi Dutschke war in ganz Deutschland bekannt, weil viele Zeitungen über ihn berichteten, einige auch abschätzig. Manche Journalisten missachteten dabei wichtige Regeln. Am 11. April, also heute vor 50 Jahren, wurde Rudi Dutschke angegriffen: Ein junger Mann schoss auf ihn. Dank einer komplizierten Operation überlebte er.

Später lebte Rudi Dutschke mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Dänemark. Elf Jahre später starb er an einer Spätfolge des Attentats.

Und heute?

Trotz all der Proteste – so schnell änderten die Dinge sich nicht. Trotzdem verdanken wir vieles, das für uns selbstverständlich ist, den Studenten von 1968. Zum Beispiel, dass wir uns heute noch kritisch mit der Geschichte der Nazis auseinandersetzen. Dass wir ganz viel unterschiedliche Pop-Musik hören können. Dass Mädchen Hosen tragen dürfen. Und Jungs lange Haare. Überhaupt, dass Männer und Frauen viel gleichberechtigter sind.

Von Angela Sommersberg

 

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