Eine Nacht voller Zerstörung – die Pogromnacht vom 9. November 1938.

Eine Nacht voller Zerstörung – die Pogromnacht vom 9. November 1938.
ARCHIV - SA-M‰nner kleben w‰hrend des Dritten Reiches ein volksverhetzendes Plakat mit der Aufschrift "Deutsche! Wehrt Euch! Kauft nicht bei Juden" an der Schaufensterscheibe eines Gesch‰fts, das in j¸dischem Besitz ist (undatiertes Archivfoto). Mit der "Arisierung" begann lange vor der Reichspogromnacht am 9. November 1938 die Entrechtung der Juden in Deutschland. - nur s/w - (zu dpa-Themenpaket Pogromnacht vom 03.11.2008) +++(c) dpa - Bildfunk+++

Vor 80 Jahren, in der Nacht vom 9. auf den 10. November, fanden in Köln und überall in Deutschland furchtbare Dinge statt: Jüdische Gotteshäuser, Geschäfte und Wohnungen wurden überfallen und zerstört. Viele Juden wurden verprügelt, verletzt und sogar getötet. Diese Ereignisse nennt man Pogromnacht. Aber was war damals eigentlich los? Das erklären wir dir hier.

 

Die mitgeführten Plakate tragen die Aufschrift „Deutsche wehrt Euch! Kauft nicht bei den Juden!“. Foto: -/Ullstein/dpa

Wer waren die Nazis?

Im Jahr 1938 war Adolf Hitler an der Macht. Er war der Chef der Partei NSDAP, deren Anhänger man auch Nazis nennt. Hitler war ein grausamer Herrscher und wollte nicht, dass in Deutschland Menschen lebten, die anders sind. Besonders hasste er die Juden. Er machte sie zu Sündenböcken, indem er sagte, dass sie für alles verantwortlich seien, was in Deutschland schief lief. Erst nahmen die Nazis den Juden ihre Rechte weg und versuchten, sie aus Deutschland zu vertreiben. Später, nach den Pogromen, nahmen sie fast alle Juden gefangen, sperrten sie in fürchterliche „Konzentrationslager“ und töteten Millionen von ihnen. Dieses Verbrechen nennt man auch den Holocaust. Experten sagen, dass er mit der Pogromnacht begann, weil die Nazis zum ersten Mal in großem Stil und öffentlich Gewalt gegen Juden anwandten.

Was war der Auslöser?

Ein 17 Jahre alter Jude aus Hannover war gerade in Paris, als er erfuhr, dass die Nazis seiner Familie die Rechte weggenommen hatten. Er war darüber so verzweifelt, dass er in Paris einen deutschen Diplomaten tötete. Als die Nazis davon erfuhren, riefen sie zum Pogrom auf. Experten sagen: Die Nazis hatten schon lange darauf gewartet, dass irgendetwas passiert, was sie als Grund für die Pogrome nutzen können. Am Abend des 9. November gab es dann einen Befehl von der Regierung in Berlin an die Parteimitglieder in ganz Deutschland: Sie sollten alle jüdischen Gebäude zerstören.

Die Jüdische Synagoge in der Glockengasse in Köln wird in der „Reichskristallnacht“ vom 9. November von der SA verwüstet. Bild: Archiv.

Was passierte in der Nacht?

In Köln lebten damals etwa 8000 Juden, sechs Jahre vorher waren es noch doppelt so viele gewesen. Viele waren schon vor den Nazis geflohen. Gegen vier Uhr nachts zogen die Kampftruppen der Nazis los. Sie zerstörten die Synagogen, die es zum Beispiel in der Innenstadt, in Ehrenfeld und Deutz gab. Sie stürmten auch in die Wohnungen und Geschäfte der Juden und verwüsteten dort alles. Viele Juden wurden misshandelt und verletzt, die Männer wurden oft festgenommen und in die schrecklichen Lager gebracht. Heute weiß man, dass allein in Nordrhein-Westfalen 130 Menschen durch die Pogrome oder die Folgen davon starben.

Was haben die Kölner getan?

Durch den Krach sind die Nachbarn natürlich wach geworden. Die Reaktionen der Bürger waren sehr unterschiedlich: Manche fanden die Gewalt gut, machten spontan mit und halfen den Nazis, die Juden zu verprügeln, die Wohnungen zu zerstören und die Geschäfte zu plündern. Einige versuchten aber auch, den Juden zu helfen, und riefen die Polizei – die meisten Polizisten waren aber selbst auf der Seite der Nazis. Und viele Leute schauten auch einfach nur weg. Neue Studien zu der Pogromnacht zeigen jedoch, dass viel mehr Menschen den Nazis geholfen haben, als man bislang dachte. Nach 1945, als die Nazi-Zeit vorüber war, haben sie sich dann vermutlich so dafür geschämt, dass sie nicht darüber geredet haben.

Und heute?

Damit so etwas Schlimmes nie wieder passiert, ist es wichtig, dass wir darüber sprechen, was vor 80 Jahren geschehen ist. Wir sollten vorsichtig sein, allgemeine Dinge über bestimmte Gruppen zu sagen, wie „alle Muslime sind so und so“, oder einer ganzen Gruppe von Menschen die Schuld für etwas zu geben. Es ist auch wichtig, dass wir denen, die so etwas sagen, nicht einfach glauben. Jeder sollte sich selbst gut informieren und sich seine eigene Meinung bilden.

Was ist das richtige Wort?

Das Wort „Pogrom“ ist Russisch und bedeutet Zerstörung oder Verwüstung. Viele nennen die Nacht vom 9. auf den 10. November auch Reichspogromnacht – das sollte man aber nicht sagen, weil „Reich“ ein Wort war, das die Nazis gerne benutzten. Auch „Reichskristallnacht“ halten viele für nicht gut, weil sich das zu schön für diese schlimmen Ereignisse anhört. Am besten sprichst du von Pogrom, Pogromnacht oder Novemberpogromen – weil es auch in den Tagen danach Gewalt gab.

Von Angela Sommersberg