Gemeinsam ist es besser
Ein Leverkusener Verein bringt Jugendliche mit und ohne Behinderung zusammen
Der Verein „Inklusion – Hier und Jetzt!“ aus Leverkusen hat ein besonderes Märchenbuch gemacht. Man kann es lesen, hören und sehen. Der Verein hat nämlich ein besonderes Ziel: Er will Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderung zusammenbringen. Dafür gibt´s bald eine tolle Auszeichnung.
Coole Sache
Johanna hat es sich auf dem großen Sessel im Wohnzimmer gemütlich gemacht. Sie schlägt ein dickes Buch auf und beginnt zu lesen – die Geschichte von Rotkäppchen und dem bösen Wolf. An dem Buch hat Johanna selbst mitgearbeitet. „Das hier zum Beispiel“, sagt die Neunjährige und zeigt auf eines der Bilder. „Das habe ich gemalt.“ Johanna engagiert sich in einem Verein, der „Inklusion – Hier und Jetzt!“ heißt. Das Besondere an dem Verein: Hier treffen sich Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderung. Regelmäßig machen sie zusammen coole Sachen, so wie zum Beispiel das Märchenbuch, das Johanna gerade liest.
Ein Buch zum Lesen, Hören und Sehen
Die Seiten des Märchenbuchs sind schwarz, die Buchstaben dagegen weiß und extra groß. Die Sätze sind kurz und es kommen keine schwierigen Wörter darin vor. Dadurch ist der Text für jeden gut zu verstehen. Am Anfang jeder Geschichte ist ein Zeichen abgebildet, es besteht aus Punkten und Strichen – das ist ein sogenannter QR-Code. In so einem Code kann man bestimmte Informationen verstecken: Wenn man zum Beispiel die Handy-Kamera draufhält, wird man automatisch zu einer Internetseite weitergeleitet. „Das probieren wir gleich mal aus“, sagt Anke Heitmeier und zückt ihr Handy. Die 56-Jährige macht auch bei dem Verein „Inklusion – Hier und Jetzt!“ mit. Genauso wie ihre beiden Kinder Matti und Linnea.
Tatsächlich öffnet sich eine Seite auf der Video-Plattform Youtube. Eine junge Frau mit langen blonden Haaren ist dort zu sehen, ihre Hände bewegen sich ständig hin und her, sie scheinen regelrecht zu tanzen. Die junge Frau heißt Amanda Wysocka, sie ist 19 Jahre alt und taub. Das bedeutet, sie kann nicht hören. Amanda ist ebenfalls im Verein und erzählt das Märchen in Gebärdensprache nach. Dazu formt sie mit ihren Händen spezielle Zeichen und Gesten. Mehrere Wochen hat sich die junge Frau für die Aufnahme vorbereitet. „So etwas hatte ich vorher ja auch noch nie gemacht“, erzählt sie. In anderen Videos werden die Geschichten vorgelesen, wie ein Hörbuch. Das ist zum Beispiel für Kinder wichtig, die blind sind oder sehr schlecht sehen können.
Niemand wird ausgegrenzt
„Wir akzeptieren jeden, so wie er ist. Bei uns im Verein kann jeder mitmachen“, erklärt Anke Heitmeier. Inklusion bedeutet nämlich, dass kein Mensch ausgeschlossen oder ausgegrenzt werden darf. Deshalb ist auch das Märchenbuch inklusiv geworden: Man kann sich die Geschichten anhören, man kann sie in Gebärdensprache sehen oder lesen. Dafür wird der Verein nun mit einem besonderen Preis ausgezeichnet, dem WDR-Kinderrechtepreis. Die Verleihung wird sogar live im Radio übertragen. „Das wird bestimmt ganz schön aufregend“, sagt Anke Heitmeier.
Einmal korrigieren, bitte!
Damit die Texte auch wirklich verständlich sind, haben die Kinder, die im Verein mitmachen, fleißig am Buch mitgearbeitet und die Texte verbessert. Anke Heitmeier holt einen der Texte hervor, den Johanna verbessert hat. „Schau mal, da hast du einen Heuli hingemalt“, sagt Anke Heitmeier und zeigt auf den traurigen Smiley. Daneben ist das Wort ‚tot‘ durchgestrichen worden. Johanna hat es durch ‚gestorben‘ ersetzt. „Ich fand einfach, dass das besser klingt“, sagt die Neunjährige und lächelt etwas verlegen. An einer anderen Stelle stand, jemand habe kein Bett mehr. Johanna hat vorgeschlagen: Jemand hat kein Zuhause mehr. „Die Korrekturen haben die Kinder während der Pandemie gemacht, als die Schulen geschlossen waren. Das war natürlich auch eine super Beschäftigung“, verrät Anke Heitmeier. Auch die tollen Bilder im Buch haben die Kinder alle selbst gemalt. Aber nicht etwa mit einem Pinsel, sondern mit ihren Händen und Füßen.
Ein Lauftreff für alle
Der Verein aus Leverkusen macht aber nicht nur Märchenbücher! Es geht auch sportlich zu. Denn jeden Samstag treffen sich Kinder und Jugendliche zu einem gemeinsamen Lauftreff. Die jüngsten Läufer sind vier Jahre alt, die ältesten sind 20. Jeder läuft so viel er will. Auch ein Trainer ist dabei und zeigt einfache Sportübungen. „Unseren Lauftreff erkennt man ziemlich gut: Wir haben einen Tisch, eine Fahne und zusätzlich noch ein Plakat“, erklärt Anke Heitmeier, deren Kinder auch beim Lauftreff dabei sind. Gelaufen wird rund um den Oulu-See – und wer zehn Mal dabei war, bekommt eine kleine Überraschung.
Von Stefanie Paul







