Stolpersteine – Wenn Geschichte plötzlich wichtig wird

Das ist der Stolperstein von Fritz Rosenwald. Für die kleine Gedenktafel haben Kölner Schüler die Patenschaft übernommen. (Foto: Thomas Banneyer)
Das ist der Stolperstein von Fritz Rosenwald. Für die kleine Gedenktafel haben Kölner Schüler die Patenschaft übernommen. (Foto: Thomas Banneyer)

Vielleicht sind sie dir schon einmal aufgefallen: kleine Tafeln aus Metall, die auf dem Bürgersteig zwischen anderen Steinen in den Boden eingelassen sind. Darauf steht immer ein Name zusammen mit einigen anderen Daten. Die Steine heißen Stolpersteine und sie haben einen ernsten Hintergrund. Die Klasse 10a der Gustav-Heinemann-Schule in Köln-Chorweiler hat die Patenschaft für einen dieser Steine übernommen. Sie hat mit uns darüber gesprochen, was Stolpersteine sind – und was die Geschichte hinter ihnen ist.

Husam, Dafina, Meslina und Khalid (v.l.n.r.) vor den Stolpersteinen in der Antwerpener Straße (Thomas Banneyer)

Husam, Dafina, Meslina und Khalid (v.l.n.r.) vor den Stolpersteinen in der Antwerpener Straße (Thomas Banneyer)

Was sind Stolpersteine?

Die Stolpersteine sollen an Menschen erinnern, die in der Zeit des Nationalsozialismus – zwischen 1933 und 1945 – getötet oder vertrieben wurden. Meist waren sie Juden oder Sinti und Roma. Sinti und Roma sind eine Volksgruppe, die sich vor vielen Jahrhunderten in europäischen Ländern angesiedelt hat. Die Nationalsozialisten töteten bis zu 500 000 Sinti und Roma und sechs Millionen Juden.
„Die Steine werden immer da verlegt, wo die Opfer zuletzt gelebt haben“, erzählt Schülerin Dafina. „Sie sollen für Aufmerksamkeit sorgen. Damit so etwas nicht wieder passiert.“ Auf den Steinen stehen immer die gleichen Informationen: Name, Nachname, wann sie geboren und meist wann sie gestorben sind.

Ausgedacht hat sich das Projekt der Künstler Gunter Demnig. Er hat schon 1992 den ersten Stolperstein verlegt. Mittlerweile gibt es sie an mehr als 1000 Orten, nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen europäischen Ländern. Für die Idee hat Demnig Preise gewonnen. Manchmal beteiligen Schulen und Schulklassen durch eine Patenschaft.

Welche Geschichte hat dieser Stein?

Die Klasse 10a hat mit ihrer Lehrerin, Elena Mehren, die Patenschaft für den Stein von Fritz Rosenwald übernommen. „Er war der einzige, der aus seiner Familie überlebt hat“, sagt Khalid.

Fritz Rosenwald gelang es, in die USA zu fliehen. Der Rest seiner Familie wurde getötet. Die Familie hatte zuvor ein Geschäft in Köln besessen und Schnaps verkauft. Ihr Haus stand in der Antwerpener Straße, in der Nähe vom Friesenplatz. Dass die Schüler der 10a ausgerechnet die Patenschaft für diesen Stein übernommen haben, ist kein Zufall: In ihrer Klasse gibt es vier Kinder, die – genau wie Fritz Rosenwald – auch aus ihrer Heimat fliehen mussten. Khalid, der mittlerweile Schülersprecher ist, kam zum Beispiel 2015 aus Afghanistan nach Deutschland. Husam floh im selben Jahr aus dem Irak.

Was nehmen die Schüler mit?

„Die Geschichte wiederholt sich“, sagt Husam. „Damals wurden die Juden verfolgt, heute sind es die Jesiden.“ Die Jesiden sind eine religiöse Gruppe. Die Terroristen des Islamischen Staats haben viele von ihnen getötet oder entführt. Vor dem Projekt fanden die Schüler das Fach Geschichte nicht so wichtig. Jetzt sehen sie das anders: „Die Menschen müssen lernen, was für Tragödien passiert sind“, sagt Meslina.

Husam (16 Jahre)

Husam (Foto: Thomas Banneyer)

Die Geschichte von Fritz löst in mir ein komisches Gefühl aus. Ich kann mich gut in ihn hineinversetzen. Er hat damals versucht, seine Schwester mit in die USA zu nehmen und es nicht geschafft. Bei meiner Familie ist es auch so: Wir sind Jesiden und mussten fliehen. Ich bin jetzt in Deutschland, aber sie dürfen nicht herkommen. Immer, wenn mein Bruder mich anruft, mache ich mir Sorgen, dass etwas passiert ist.

 

 

Dafina (18 Jahre)

Dafina (Foto: Thomas Banneyer)

Ich finde, die Geschichte der Stolpersteine sollte in jeder Schule erzählt werden. Das Projekt hat mich berührt. Ich würde gerne Menschen davon abhalten, andere zu hassen. Einige Freunde von mir sind Sinti. Manchmal fragen mich Leute: „Warum hängst du mit denen ab?“ Dann sage ich ihnen: „Das sind Menschen wie wir.“

 

 

 

VON ELIANA BERGER