Essen gibt es erst nach Sonnenuntergang
Zum Fastenbrechen gehört für Familie Ali immer ein Gebet und eine leckere Suppe. Die Nachspeise ist zuckersüß.
Mezkin Ali hat den Tisch gedeckt. Richtig schön, mit dem feinen Geschirr. Und sie hat gut für die Familie gekocht, lauter Lieblingsgerichte. Aber einfach so zugreifen: Das geht nicht. Gegessen wird erst, wenn die Sonne untergegangen ist. Denn diese Mahlzeit ist eine besondere. Sie heißt Fastenbrechen.
„Mama und Papa haben nichts gegessen und nichts getrunken“, sagt die fünfjährige Pelin. Ihre Eltern sind Muslime. Mezkin Ali und ihr Mann Shirgo Ali halten sich an die Regeln für den Ramadan. Das ist für sie ein besonderer Monat. Derzeit fasten sie den ganzen Tag lang, und sie beten fünfmal am Tag. In einem eigenen Ramadan-Kalender stehen die genauen Uhrzeiten dafür.
Ein uraltes Gebet
„O Allah, um Deinetwillen habe ich gefastet und an Dich geglaubt und mit Deiner Versorgung breche ich das Fasten.“ Mit diesen Worten, auf Arabisch, beginnt das Fastenbrechen. Die Mutter nimmt eine getrocknete Dattel in die Hand. Sie spricht ihrem Sohn Jan das uralte Gebet vor, und der zehnjährige Junge spricht den Text nach. Nach einem Blick zum Himmel geht der Gruß an alle, die am Tisch sitzen: „Bismillah!“, „Im Namen Gottes!“, wünschen alle einander einen guten Appetit.

Jan spricht gemeinsam mit seiner Mutter das Gebet vor dem Fastenbrechen. In der Hand halten die beiden eine getrocknete Dattel. Foto: Claudia Irle-Utsch/dpa
Langsam wird der leere Magen nun gefüllt. Erst mit ein oder zwei Datteln, dann mit einer wärmenden Linsensuppe. „Eine Suppe gehört bei uns im Ramadan immer dazu“, sagt Vater Shirgo Ali. Das kann auch eine Gemüsesuppe sein oder die erfrischende Mehîr. Diese gekühlte Suppe mit Joghurt und Weizen kennen die Eltern aus ihrer kurdischen Heimat im Norden des Landes Syrien. Zur Linsensuppe essen sie Kibbeh, knusprige Bällchen mit Hackfleisch.
Familie Ali nimmt sich Zeit beim Essen. Die Eltern reden mit den Kindern und mit den Verwandten, die sie zu sich ins Haus in der Stadt Siegen eingeladen haben. Sie nehmen sich von dem gebratenen Hähnchen, vom Reis und von dem Eintopf aus Okraschoten, Lammfleisch und Tomaten, der bei ihnen Bamya heißt. Sie trinken ein Limo-Gemisch aus Fruchtsirup und Wasser. Das gibt es bei ihnen nur im Monat Ramadan.
Pappsatt und glücklich
Nach dem Essen ist die Zeit für das letzte Gebet des Tages, das Ischa-Gebet. Mezkin und Shirgo Ali und auch die 14 Jahre alt Tochter Jin suchen sich irgendwo im Haus einen stillen Ort dafür. Sie beten auf einem kleinen Teppich, den sie nach Osten ausrichten. In diese Richtung liegt Mekka, die für sie heilige Stadt. Beim Beten knien sie sich auf den Boden und stehen wieder auf. Ein paar Mal nacheinander. Mezkin Ali sagt: „Die Bewegung tut gut.“
Auf alle wartet dann noch ein Dessert. In einer großen runden Form serviert die Mutter eine Süßspeise, die typisch ist fürs Fastenbrechen: Kunafa, ein Kuchen aus feinsten Fadennudeln, Mozzarella und Zuckersirup. Danach ist auch Pelin pappsatt – und glücklich!
Von Claudia Irle-Utsch (dpa)






