Duzen oder Siezen?

Duzen oder Siezen?
Sprichst du den Busfahrer eher mit "Sie" oder "du" an? (Foto: dpa)

Deine Lehrerin duzt dich. Der Busfahrer auch. Und die Verkäufern ebenfalls. Und du? Du sollst sie alle siezen. Aber warum ist das so? Wen muss man siezen – und wen darf man duzen? Das  haben wir Professor Horst Simon aus Berlin gefragt. Er ist  Experte für Siezen und Duzen.

Wie sind die Regeln?

Oder bei der Verkäuferin: "du" oder "Sie"? (Foto: dpa)

Oder bei der Verkäuferin: “du” oder “Sie”? (Foto: dpa)

Und wie steht es bei deiner Lehrerin? (Foto: dpa)

Und wie steht es bei deiner Lehrerin? (Foto: dpa)

„Erwachsene duzen alle Kinder. Aber Kinder sollten fremde Erwachsene mit „Sie“ ansprechen“, sagt Horst Simon. Zu allen Kindern kannst du aber „du“ sagen. Zwei Erwachsene, die sich nicht kennen, sagen „Sie“ zueinander. „Je mehr Gemeinsamkeiten zwei Menschen haben, desto wahrscheinlicher duzen sie sich. Das ist der Fall, wenn sie eng zusammenarbeiten oder im selben Sportverein sind“, sagt der Experte.

Das hört sich ganz schön kompliziert an. Vielleicht hast du dich auch schon mal gefragt, ob du die Eltern deiner Freundin mit „du“ oder mit „Sie“ ansprechen sollst. Am besten fragst du deine Freundin, wie ihre Eltern angesprochen werden möchten. Horst Simon rät: „Wenn man in eine neue Gruppe kommt, sollte man es den  anderen nachmachen.“

Warum ist das so?

Andere Kinder - passt zu ihnen vielleicht auch ein "Sie"? (Foto: dpa)

Andere Kinder – passt zu ihnen vielleicht auch ein “Sie”? (Foto: dpa)

Das alles ist so kompliziert – warum duzen sich nicht alle? „Das hat etwas mit den Beziehungen zwischen Menschen zu tun“, sagt Horst Simon. Wenn zwei Menschen sich duzen, zeigen sie, dass sie sich gut kennen und einander wichtig sind. „Sie“ steht eher für Distanz und Respekt. Außerdem geht es beim Siezen um Höflichkeit, sagt Horst Simon. „Man bietet älteren Leuten im Bus ja auch den Platz an und drängelt sich nicht vor.“ Diese Höflichkeit findet sich auch in der Sprache wieder – zum Beispiel bei „Bitte“ und „Danke“. Oder beim „Sie“.

Wie ist das entstanden?

In allen Sprachen und Kulturen gibt es verschiedene Arten, jemanden anzusprechen, sagt Horst Simon. Im Deutschen gibt es schon seit mehr als tausend Jahren zwei Formen.  Vor mehreren hundert Jahren gab es in Deutschland bis zu fünf unterschiedliche Arten, jemanden anzusprechen. „So wollte man die Gesellschaft in verschiedene Schichten einteilen“, sagt Horst Simon. Der Nachbar wurde anders angesprochen als der Pfarrer. Damals mussten Kinder ihre Eltern auch mit „Sie“ ansprechen. Und mit „Herr Vater“ und „Frau Mutter“. Weil dieses System so kompliziert war, ist es vor 150 Jahren verschwunden.

Stirbt „Sie“ aus?

In immer mehr Bereichen sagen Leute „du“ zueinander. Vor 60 Jahren zum Beispiel haben Studenten sich noch gesiezt – heute käme kein Student mehr auf diese Idee. Deswegen glauben manche Menschen, dass es „Sie“ irgendwann gar nicht mehr geben wird. Das denkt Horst Simon aber nicht. „Langfristig betrachtet ist das „du“ häufiger geworden. Aber heute gibt es auch mehr junge Leute, die das „Sie“ gut finden.“

Wie ist es woanders?

Im Englischen sagt jeder zu jedem „you“. Das Verrückte ist aber: „you“ ist die alte Form für „Sie“. „Im Englischen gibt es viele andere Möglichkeiten, in der Sprache höflich zu sein“, sagt Horst Simon. So sagt man zu Männern „Sir“ und zu Frauen „Madam“. In Frankreich sagt man übersetzt sogar: „Möchten Sie noch etwas trinken, mein Herr?“ Nur in Skandinavien ist es anders. Dort gab es in den 1970er Jahren eine „Du-Reform“. Seitdem duzen sich alle Schweden. So wollen sie zeigen, dass alle Menschen gleich sind. Nur den König, den spricht man mit „Sie“ an.

Von Angela Sommersberg