„Wir durften keine Widerworte geben“

„Wir durften keine Widerworte geben“


Wie sind Mädchen früher aufgewachsen? Das hat Kinderreporterin Helena ihre Oma Christa gefragt.

Ich habe ein Interview mit meiner Oma Christa geführt. Sie ist die Mutter meines Papas und ist jetzt 82 Jahre alt.

Kinderreporterin Helena und ihre Oma Christa. Foto: Kinderreporterin Helena

Oma, erzähl mal, wie war es, als du so alt warst wie ich?
1943, das war noch während des Krieges, da war ich etwas jünger als du, sind wir aus Kassel weggezogen, aufs Land zu einer Bauernfamilie, weil es dort sicherer sein sollte als in der Stadt. Ich habe dort mit meinen zwei älteren Schwestern und meiner Mutter in zwei Zimmern auf dem Bauernhof gewohnt. Mein Vater war noch im Krieg. Wir hatten dort kein fließendes Wasser und auch keine Toilette im Haus. Wenn wir nachts auf die Toilette mussten, sind wir immer zu zweit oder zu dritt gegangen, denn wir mussten über den Hof bis zum Kuhstall gehen und durften kein Licht anmachen, damit die Flugzeuge uns nicht sehen und bombardieren konnten. Klopapier gab es auch nicht, wir haben Zeitungspapier genommen.

Habt ihr viel draußen gespielt? Was hattet ihr für Spielzeug?
Wir haben sehr viel draußen gespielt, es gab ja auch kaum Autos. Wir hatten Murmeln, Kreisel und Springseile. Im Winter sind wir sehr gerne gerodelt, damals gab es im Winter noch sehr viel Schnee.

Musstet ihr immer Kleider und Röcke anziehen?
Unsere Mutter hat alles für uns genäht, meist für alle drei Schwestern das gleiche Kleid. Dazu hatten wir gestrickte Strümpfe aus Schafwolle an. Wir haben gern Kleider getragen, wir fühlten uns damit sehr gut angezogen. Im Winter trugen wir auch Hosen, das war dort auf dem Land aber eher ungewöhnlich.

Habt ihr viel im Haushalt geholfen?
Ja, wir mussten fleißig auf dem Hof mitarbeiten. Wir haben bei der Kartoffelernte und bei der Rübenernte geholfen, haben gebügelt und geputzt und später habe ich immer auf unseren kleinen Bruder aufgepasst. Wir sind auch zur Mühle gelaufen, um frisches Brot zu holen, die war etwa vier Kilometer entfernt. Da sind wir morgens um 6 Uhr aufgestanden und auf den Eisenbahnschienen hingelaufen. Dann haben wir uns jeder drei große Laibe Brot auf den Rücken geschnallt und sind zurück marschiert.

Oma, das ist viel, ich muss ja nur mal die Spülmaschine ausräumen und die Katzen füttern… Waren deine Eltern sehr streng?
Wir wurden schon anders erzogen als ihr heute. Widerworte durften wir nicht geben. Einmal habe ich von meiner Mutter Prügel mit dem Kochlöffel bezogen, weil ich beim Bauern Stachelbeeren stibitzt hatte. Sie hatte Angst, dass wir deshalb unsere Wohnung verlieren würden, denn der Bauer hatte uns ja aufgenommen. Aber eigentlich waren wir sehr brave Mädchen und haben keinen Ärger gemacht.

Mussten die Jungen auch im Haushalt helfen, so wie ihr?

Nein, wir Mädchen wurden dazu angehalten, die Hausarbeit zu verrichten. Die Jungen haben aber  auch auf dem Feld mitgearbeitet. Allerdings haben sie sich gern die bequemeren Arbeiten gesucht, zum Beispiel die Pferde zu führen. Wir Mädchen haben Heu gewendet und bei der Kartoffelernte geholfen.

Hast du dich als Mädchen benachteiligt gefühlt?
Nein, eigentlich nicht, unsere älteste Schwester vielleicht. Die ältesten Kinder in einer
Familie mussten immer am meisten helfen.

Wie war es denn in der Schule?
Ich war auf einer Mädchenschule. Für die Jungen gab es Jungenschulen. Es gab Rechnen und Deutsch. Am schlimmsten war der Musikunterricht, da sollten wir einzeln vorsingen. Das fand ich schrecklich.

Das machen wir auch in Musik. Mir macht das aber Spaß! Und konnten Mädchen und Jungen die gleiche Ausbildung machen?
Die Jungen sind meist Handwerker geworden. Mädchen haben oft Berufe wie Verkäuferin oder Friseurin gelernt. Studieren konnte man nur, wenn die Eltern Geld hatten.

Zum Glück ist das heute anders, ich finde gut, dass es heute so viele verschiedene Berufe gibt, die ich machen könnte. Bist du zu den Wahlen gegangen, als du erwachsen warst?
Ja, das habe ich immer gemacht. Das finde ich sehr wichtig. Was mir aber damals gestunken hat: Vor den Wahlen wurde in der Kirche immer ein sogenannter Hirtenbrief verlesen. Da stand drin, wen man wählen sollte. Da wurde man also sehr beeinflusst.

Wie habt ihr denn mitbekommen, was in der Welt passiert? Es gab ja noch kein Internet und keinen Fernseher.
Wir hatten auch kein Telefon. Nachrichten haben wir im Radio gehört. Und es gab einen sogenannten Dorfdiener, der hat mit einer Schelle geläutet und dann die Nachrichten für die Gemeinde ausgerufen.

Was hast du gern gegessen?
Kartoffelpuffer und Kartoffelklöße. Nudeln hatten wir nicht. Vor dem Winter mussten wir immer darauf achten, dass wir genug Kartoffeln und Kohle eingelagert hatten, damit wir im Winter nicht hungern oder frieren mussten.

Wie habt ihr Weihnachten gefeiert?
Wir haben Plätzchen gebacken und hatten auch einen Weihnachtsbaum. Als Geschenke hatte unsere Mutter uns meistens Kleider genäht oder etwas für die Puppenstube. Später nach dem Krieg gab es auch mal Bücher oder ein Gesellschaftsspiel.

Oma, was gefällt dir an den Kindern von heute und was gefällt dir nicht?
Ich finde gut, dass ihr so viele Freiheiten habt. Ihr könnt alles machen was ihr wollt. Manche Kinder sind vielleicht ein bisschen nassforsch.

Was ist denn nassforsch?
Das bedeutet ein bisschen frech…

Von Kinderreporterin Helena