So kämpft „Fräulein Chaos“ gegen Mobbing

So kämpft „Fräulein Chaos“ gegen Mobbing
Lass dich online nicht von dummen Kommentaren nerven! (Foto: dpa)

Am zweiten Tag der zweiten Woche des zweiten Monats im Jahr findet in vielen Ländern ein Aktionstag statt. Er heißt: Safer Internet Day.  Dieses Jahr fällt er auf den 6. Februar 2018. Auch in Deutschland gibt es ihn und er wird von vielen Politikern unterstützt. Sie wollen mit dem Aktionstag auf die Gefahren des Internets hinweisen. Leider ist es nicht selbstverständlich, dass sich alle Internetnutzer gut benehmen.

Sina heißt auch Fräulein Chaos und hat einen berühmten Youtube-Channel. (Foto: dpa)

Versucht immer positiv zu bleiben: Fräulein Chaos. (Foto: Marlen Stahlhut)

Mobbing ist ein großes Problem. Viele Nutzer beschimpfen und beleidigen andere aufs Schlimmste. Eine junge Frau macht im Internet darauf aufmerksam: „Fräulein Chaos“ spricht in ihrem Youtube Channel ganz persönlich über sich und ihre Probleme mit anderen.

Damit hilft sie vielen Jugendlichen – von anderen wird sie immer wieder beschimpft. Im Interview erzählt sie, wie sie mit Hass-Kommentaren umgeht.

 

Sina, du sprichst auf deinem Youtube Channel „Fräulein Chaos“ über Dinge, die viele Mädchen nur ihrer besten Freundin erzählen würden. Warum machst du das so öffentlich?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Leute unter meine Videos viele Kommentare schreiben. Mit der Zeit haben sich immer mehr Leute beteiligt und so sind dann tolle Diskussionen entstanden. Für mich ist Youtube die perfekte Plattform, um meine Meinung zu sagen – aber auch, um die Standpunkte von anderen einzuholen.

Aber trotzdem bist du ja diejenige, die offen erzählt, dass sie früher in der Schule gemobbt wurde oder unter der Krankheit Depression leidet. Macht dir das nichts aus?

Nein, wenn ich den Menschen damit helfen kann, dass ich meine Geschichte erzähle, mache ich das gerne. Manche fühlen sich verstanden, weil sie ähnliches durchmachen wie ich. Es ist doch toll, helfen zu können.

Oft erzählst du als „Fräulein Chaos“ in den Videos ja auch von deinem Freund, zum Beispiel über den Heiratsantrag, den du ihm gemacht hast. Findet er das okay, wenn du so persönliche Sachen sagst?

Ich spreche ganz offen mit ihm drüber. Wenn ich vorhabe, etwas zu drehen oder zu erzählen, was mit ihm zu tun hab, muss er immer sagen, dass es für ihn in Ordnung ist. Denn dann habe ich die Verantwortung.

Warst du von Anfang an so offen?

Nein, das ist mit der Zeit mehr geworden. Ich habe mit 19 angefangen, Comedy für Gamer auf Youtube zu machen. Das erste schwierige Thema, das ich angesprochen hab, war das Mobbing in der Schule. Das war für mich ein richtiger Befreiungsschlag: das so öffentlich zu sagen.

Aber ich wollte den Leuten auch erzählen, dass ich es geschafft habe, und dass es mir wieder besser geht. Ich habe diese Geschichte erzählt, um damit abzuschließen. Auf dieses Video kamen viele großartige Reaktionen und Leute haben in den Kommentaren über ihre eigenen Erfahrungen gesprochen. Von da an habe ich mich getraut, mehr und mehr über Sachen zu reden, die mich beschäftigen.

Was würdest du Kindern und Jugendlichen raten, die selbst gemobbt werden?

Das wichtigste ist, darüber zu reden, zum Beispiel mit Freunden. Am besten sollte man mit den Eltern oder dem Vertrauenslehrer sprechen. So war das damals auch bei mir. Ich habe mich meinen Eltern anvertraut, wir haben zusammen einen Brief an die Vertrauenslehrerin geschrieben und uns dann mit Schulleiterin unterhalten. Ich habe den Wunsch geäußert, die Schule zu wechseln.

Auf der neuen Schule war dann plötzlich alles besser. Das ist natürlich nicht bei jedem so, aber mir hat es geholfen. Wenn das Mobbing sehr schlimm ist, muss man im Ernstfall auch mit der Polizei sprechen. Man darf das nicht einfach hinnehmen, sondern muss sich Hilfe suchen.

Gibt es denn überhaupt Dinge, über die du als „Fräulein Chaos“ nicht sprichst und die du nur mit deinen Freundinnen bequatschst?

Natürlich. Das hat doch jeder. Ich würde zum Beispiel nicht über familiäre Dinge sprechen. Oder über andere Dinge, die wirklich privat sind und bei denen keiner was davon hat, wenn er es weiß.

Hast du denn durch deine Offenheit auch schon mal schlechte Erfahrungen im Internet gemacht?

Ja, auf jeden Fall. Ich bekomme zum Beispiel Kommentare von sogenannten Hatern. Die schreiben, dass ich hässlich und dick bin oder dass mich niemals jemand heiraten wird. Und manchmal beleidigen sie mich noch viel schlimmer. Ich hatte auch mal einen richtigen Shitstorm: Da habe ich nämlich ein Video zusammen mit Flüchtlingen gemacht. Ich wollte zeigen, dass Flüchtlinge auch ganz normale Menschen sind. Die haben dann ihre Geschichte erzählt, wo sie herkommen und was sie so erlebt haben.

Das fanden mache Leute nicht so toll, die haben fremdenfeindliche Kommentare gepostet und mir schlimme Sachen angedroht. Das war schlimm. Das Gute an der Sache ist aber, dass ich mit dem Video jetzt für den deutschen Politik-Preis nominiert wurde.

Wie gehst du denn mit den Hatern um?

Am Anfang war das richtig schlimm für mich, wenn jemand etwas Blödes gesagt hab. Aber mit der Zeit habe ich gelernt, damit umzugehen. Ich habe herausgefunden, dass die meisten Leute, die sowas schreiben, einfach nur Langeweile haben. Die denken, dann bekommen sie mehr Aufmerksamkeit. Wenn jemand gute Kritik bringt, dann antworte ich auch richtig.

Aber wenn die Leute einfach nur Hass-Kommentare schreiben, dann poste ich dahinter ein „Okay“ mit einem Herzchen. So entschärfe ich das, bleibe aber trotzdem nett. Durch so etwas bin ich stärker geworden. Und natürlich durch die ganzen lieben Kommentare.

Was würdest du Kindern und Jugendlichen raten: Wie viel darf man im Internet von sich preisgeben?

Ich würde auf jeden Fall davon abraten, zu persönlich zu werden. Ich hab zuletzt den Stream von einer Zwölfjährigen gesehen. Dort hat sie erzählt, wo sie zur Schule geht und was sie so macht. Das ist total gefährlich! Wenn man noch nicht volljährig ist, sollte man auf keinen Fall verraten, wie alt man ist, denn das ruft gefährliche Leute auf den Plan.

Und niemand sollte wissen, wo du wohnst oder was du für Hobbys hast. Es gibt nämlich Leute da draußen, die das zu Mustern zusammensetzen können. Die stehen dann plötzlich vor deiner Haustür. Das ist mir zwar noch nicht passiert, aber ich habe mal bei Instagram gepostet, dass ich mir ein neues Tattoo stechen lasse – und auf einmal stand da jemand vor dem Studio, weil der wusste, dass ich da bin. Das war ganz gruselig. Deswegen poste ich inzwischen nichts mehr live, sondern immer erst am nächsten Tag.

Das Gespräch führte Angela Sommersberg

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